Der Dülmener Rosenapfel

Der Dülmener Rosenapfel

Die Legende

Im westfälischen Münsterland gibt es einen Baum, der Dülmener Rose genannt wird.

Die Blüte

Wer sich ein bisschen mit Rosen auskennt, wird sich fragen: „Seit wann gibt es außer Edel-, Beet-, Strauch- und Kletterrosen auch Baumrosen?“

In grauer Vorzeit

Die Entstehung der Sorte ist nicht genau geklärt.
Ein Lehrer Jäger, der die Sorte um 1870 aus einem Sämling der Sorte Gravensteiner gezogen hat, betrieb – wie viele Landschullehrer – eine Obstbaumschule auf dem Schulgelände der Dülmener Volksschule. Das Veredeln von Obstbäumen gehörte zum regulären Unterricht der Jungen. Die Anwachsergebnisse mussten von den Lehrern jährlich an den Bürgermeister gemeldet werden. Neben Äpfeln und Birnen wurden auch Kirschen und selten Walnüsse veredelt. Welche Sorten dabei verwendet wurden, ist leider nicht überliefert.

Ein früher Herbstapfel

Ohne Zweifel handelt es sich um einen Herbstapfel, denn er ist wie der Gravensteiner Apfel im September/Oktober pflückreif und kann sofort gegessen werden. Aber reif sind alle Äpfel im Herbst – mehr oder weniger. Nur einige müssen dann noch gelagert werden, dass sie überhaupt schmecken. Nicht so bei der Dülmener Rose, daher ist die Bezeichnung Herbstapfel auch nach heutigen Maßstäben durchaus legitim.

Warum Rosenapfel?

Es geht die Sage, jener Lehrer Jäger hätte die neue Apfelsorte nach seiner Frau Rosemarie benannt. Ist das wahrscheinlich?

Als Lehrer in einem Dorf im katholischen Münsterland, des 19ten Jahrhunderts, war dieser Mann eine zentrale Persönlichkeit in seinem sozialen Umfeld – sollte man annehmen.

beinahe erntereif

Hätte er die Neuzüchtung nicht eher Marienapfel genannt?

Auf den ersten Blick stellen sich also einige Fragen zur Namensgebung und wahren Herkunft dieser Apfelsorte.

Die Entstehung

Die Sorte entstand in Dülmen um 1870 aus einem Sämling der Sorte ‚Gravensteiner‘. Synonyme für die Sorte sind ‚Dülmener Herbstrosenapfel‘, ‚Dülmener Rosenapfel‘, ‚Dülmener Rose‘ und ‚Dülmer Rose‘.

Rechnungsrat Ludwig Bielefeld berichtet in den Dülmener Heimatblättern von 1927, dass die Sorte von regionalen Baumschulen geführt wird. Er nennt drei Betriebe, von denen heute nur noch die Baumschule Sennekamp in Senden existiert. Die anderen beiden waren die Baumschule der Gebrüder Hanses in Münster-Hiltrup und die Baumschule Lackmann in Olfen.

Die Baumschule Sennekamp spielte seinerzeit eine besondere Rolle, da die Verbreitung der Sorten – zumindest im Münsterland – wahrscheinlich von hier aus begann.

Der Rosenapfel

August Friedrich Adrian Diel (1756-1839), ein Arzt und Obstexperte entwickelte eine Klassifizierung der Apfelsorten, die sich im wesentlichen an der Form der Früchte orientierte.

Karl Friedrich Eduard Lucas (1816-1882) und Johann Georg Conrad Oberdieck (1794-1880) verfeinerten die Dielsche Klassifizierung und es entstanden 15 Kategorien.
Die zweite Kategorie, der Rosenapfel hat demnach folgende Eigenschaften:

  • Form: verschieden, doch meist auf der oberen Hälfte sanft gerippt,
  • Schale: duftend; fein, zart und glänzend nach Abreiben,
  • Fruchtfleisch: sehr locker, schwammig, dem Druck des Fingers leicht nachgebend. Gewürz fein, oft süßlich, aber nicht beerenartig wie bei den Kalvillen.

Diese willkürliche Einteilung hat heute nur noch eine untergeordnete Bedeutung, vor allem weil die Formenvielfalt der Sorten dazu führt, dass viele Sorten in mehrere der Kategorien passen. Durchgesetzt hat sich inzwischen die Einteilung nach Reifezeitpunkten also Sommer-, Herbst- und Winterapfel. Vielen Sortennamen beinhalten trotzdem heute noch die Kategorien nach Diel, Luca und Oberdieck, wie z. B. beim ‚Berner Rosenapfel‘, ‚Moringer Rosenapfel‘ und beim ‚Virginischer Rosenapfel‘.

Erstmals bei einer Obstaustellung in der 1870er Jahren in Greiz (Thüringen), seinerzeit ein wichtiges Zentrum des Obstbaus im Deutschen Reich, trat der Dülmener Rosenapfel in Erscheinung.

Ingenieur Bahnmeister Bröser

Im westfälischen Münsterland scheint der Dülmener Ingenieur Bahnmeister Bröser an der regionalen Verbreitung maßgeblich mitgewirkt zu haben. Dieser hatte Kontakt zu dem berühmten Apfelforscher Eduard Lucas, dem Gründer des Pomologischen Instituts in Reutlingen (Baden-Württemberg).

Bahnmeister Bröser schickte ihm im Jahr 1878 Früchte der ‚wahrscheinlich neuen Sorten‚ mit der Bitte zu, die ‚noch nicht beschriebene Sorte‘ zu untersuchen und ‚obigen Namensvorschlag‚ zu berücksichtigen.

Später fanden auch Edelreiser den Weg nach Reutlingen. Ob aber wirklich Bäume zur Sortensichtung veredelt und aufgepflanzt wurden, ist fraglich.

Eduard Lucas hielt die neue Sorte für eine Variante des Braunschweigs Pfundapfels, stellt als Unterschied aber einen ‚eigenthümlichen aromatischen Duft‘ fest.

Eine neue Sorte entsteht

In den Geisenheimer Mitteilungen von 1911 wird ein Obstzüchter aus Hildburghausen (Thüringen) genannt, der begann die Sorte in größerer Stückzahl zu vermehren, vielleicht handelte es sich dabei um Carl Will.

Die Aufzeichnungen des Ingenieurs Bröser geben Aufschluss über weitere, nicht näher bezeichnete Personen, die an der Entwicklung der Apfelsorte beteiligt waren.

Die städtische Baumschule

Aus dem Urkataster der Stadt Dülmen von 1825 geht hervor, dass im Bereich der Lustgärten der Stadt, am südöstlichen Wallgraben, eine Baumschule bestand. Diese wurde vermutlich auf Betreiben eines Landesfürsten, in diesem Fall dem Bischof von Münster, zum Gemeinwohl, aber auf Kosten der Stadtkasse errichtet. Ein damals übliches Verfahren, dass bereits von Karl dem Großen mittels Landgüterverordnung praktiziert wurde, um die Grundversorgung der Bevölkerung zu sichern.

Die herzogliche Baumschule

Nach dem Bau des Schlosses an selber Stelle durch Alfred von Croÿ im Jahre 1834, wurde diese Baumschule Teil des neuen Schlossparks und später durch den Schulmeister Wald betreut.

Lehrer Wald, der an der Dülmener Volksschule von 1817 bis 1862 (also 45 Jahre lang!) unterrichtete, war in der Apfelzucht scheinbar recht aktiv. Auf ihn geht die Sorte ‚Dülmener Prinzenapfel zurück, die heute leider nicht mehr bekannt ist.

Vermutlich wegen seines fortgeschrittenen Alters übertrug Schulmeister Wald die Betreuung der Baumschule auf einen jüngeren Kollegen.

Johannes Jäger – Der Vater der Dülmener Rose

blasse Schattenfrüchte

Johannes Jäger, geboren am 20. Januar 1820 in Recklinghausen war 32 Jahre lang Lehrer an der Volksschule in Dülmen. Vorausgegangen war eine Fachausbildung beim Lehrer-Seminar in Büren.

Auf Betreiben des Lehrers Wald sowie des Herzogs Alfred von Croÿ wurde ein Schulobstgarten auf dem Schlossgrundstück eingerichtet. Dieser fand scheinbar große Beachtung und wurde sogar prämiert.

Als Belohnung für die Prämierung wurde eine Obstanzucht ins Leben gerufen, deren Organisation dem Lehrer Jäger übertragen wurde. Es fand eine intensive Züchtungsarbeit statt, in deren Verlauf auch die Baumschule Sennekamp in Senden einen Beitrag leistete.

Nach seiner Pensionierung zog Jäger nach Hildburghausen in Thüringen, um dort die Züchtung weiter zu betreiben. Der Dülmener Rosenapfel gilt seither auch in Thüringen als Regionalsorte, ob er aber dort den selben Namen trägt, ist fraglich.

Es liegt nahe, das Lehrer Jäger sich der Infrastruktur der Baumschule Carl Will bediente, die offizielle Registrierung der Sorte scheint aber durch den Ingenieur Bahnmeister Bröser erfolgreich betrieben worden zu sein.

Johannes Jäger starb im Jahr 1880.

Was nach dem Weggang des Lehrers Jäger mit der Baumschule, dem Schulobstgarten und der Apfelzüchtung in Dülmen geschah, gilt es noch herauszufinden.

Die Baumschule Schmitz-Hübsch

Ab 1948 betrieb die Baumschulschule Schmitz-Hübsch Apfelplantagen am Baumschulenweg. Otto Schmitz-Hübsch (1868-1950) war ein gefeierter Obstbaupionier und Züchter, der z. B. die Sorte ‚Roter Boskoop‚ fand.

Apfelernte in alten Zeiten

Vielleicht übernahm er die Züchtungsarbeit der herzoglichen Baumschule. Jedenfalls war der Grund auf dem die Apfelplantagen standen Eigentum des Herzogs von Croÿ.

Das Ende der Apfelplantagen

Letzte Teile der Apfelplantage wurden Anfang der 1990er Jahre gerodet. Von den Obst-Lagerhallen steht noch eine, die der Baumschule Reckmann bis heute als Wirtschaftsgebäude dient. Das ehemalige Hauptgebäude, dass dem Inhaber der Baumschule Reckmann als Wohngebäude diente, ist im Jahr 2015 einem Neubau gewichen.

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