Bedeutung heute

Während die Sorte 1938 noch in mehr als 10 Landesbauerschaften des Deutschen Reiches zum Anbau empfohlen wurde, ist sie heute als Marktsorte bedeutungslos.

Früher auf allen Wochenmärkten in Westfalen zu finden, gibt

Apfelblüte

es den Apfel heute nur noch im privaten Garten.

Wer diese Sorten noch im Garten hat, sagt:

  • Die Sorte kommt aus Dülmen und muss allein wegen Ihres Namens erhalten werden.
  • Der Baum lässt sich auch gut vom Hobbygärtner schneiden.
  • Krankheiten treten kaum auf. Moderne Sorten werden eher von Apfelschorf und Läusen befallen.
  • An apple a day keeps the doktor away. Etwa: Ein Apfel pro Tag erhält die Gesundheit.
  • Der Baum hat auch in kleinen Hausgärten Platz.
  • Der Apfel schmeckt sehr gut oder zumindest anders, als die Sorten aus dem Supermarkt.

In den Gartenbaumschulen des Münsterlandes ist der Dülmener Herbst-Rosenapfel überall anzutreffen. Im übrigen Westfalen gehört er zum Standardsortiment. Größere Obstbaumschulen in Deutschland führen immer mehr Regionalsorten, u. a. auch die Dülmer Rose, die von dort aus in die  Gartencenter und in gut sortierte Baumärkte gelangen.

Ein junges Paar

In Verbindung mit dem Versandhandel ist eine nationale und vielleicht sogar internationale Verbreitung also durchaus denkbar, falls entsprechendes Marketing betrieben wird.

 

Die Sortenbeschreibung

Ingenieur Bröder beschreibt die Sorte (vermutlich in Zusammenarbeit mit Eduard Lucas) so:

„(…) Die Frucht ist groß bis sehr groß und erreicht bei 400 m NN einen Umfang von bis zu 29 cm (ca. 10 cm Durchmesser; Anm. des Autors). In Form und Farbe ist die Frucht dem Gravensteiner Apfel sehr ähnlich.

pfückreifer Apfel
pflückreifer Dülmener Rosenapfel

Der geschlossene Kelch liegt ziemlich flach. Die Breitenachse ist meist größer als die Höhenachse.
Die Stielhöhle ist von geringer Tiefe, der Stiel meist kurz. In der Baumreihe ist die Frucht sattgelb gefärbt.
Sonnenseitig zeigt sie sich wenig gerötet und nur selten berostet. Insgesamt hat der Apfel bereits am Baum ein leckeres Aussehen.
Das Fruchtfleisch ist gelblich-weiß, sehr saftig und von feinwürzigem Geschmack.

Nach kurzer Lagerung von 2 bis 3 Wochen tritt die Genussreife ein. Es handelt sich um eine Vorwinter-Frucht, die nicht über den Dezember hinaus gelagert werden sollte, da sonst ein Geschmacksverlust eintritt.
Die Sorte wächst kräftig und gesund. Auf Wildlingsunterlagen ist ein früher und regelmäßiger Fruchansatz zu erwarten.

Die Früchte bilden sich vorzugsweise eher im inneren der Krone, während außen ein kräftiges Wachstum der jungen Triebe stattfindet.
Pflanzliche und tierische Schädlinge meiden den Baum, selbst den Läusen ist er zu derb.

Auf der Wildlingsunterlage (Sämlingsunterlage; Anm. d. Autors) entwickelt sich eine starke Pyramiden-Krone, die erst im 7. oder 8. Standjahr Früchte trägt.
Zur Erziehung auf einem Halbstamm bietet sich ein mäßiger Rückschnitt alle 3 bis 4 Jahre an. Der Baum ist resistent gegen den Rostpilz. Da es sich nicht um einen Dauerapfel (Lagerapfel; Anm. d. Autors) handelt, ist der Plantagenanbau nicht zu empfehlen (…)“


Hier kann man sehr schön die Entwicklung der Kulturapfelsorten in den letzen Jahrzehnten erkennen.

Mit einem Durchmesser von 10 cm gilt der Apfel nach heutigen Maßstäben nicht mehr als besonders groß. Der Trend geht heute aber wieder zu kleineren Früchten, z. B. für Kinder. Vielleicht muss die heutige Einschätzung in 10 Jahren aber auch wieder revidiert werden.

Gelbe Schattenfrüchte kommen im Plantagenanbau heute nicht mehr vor. Die Baumformen, wie z. B.  die sogenannte Superspindel, fördern die maximale Lichtausbeute. Dadurch werden alle Früchte gleichmäßig farbig. Beim Dülmener Rosenapfel zumindest auf einer Seite.

Durch moderne Schnittmaßnahmen erreicht man, dass der Fruchtbehang nicht nur im Kroneninneren entsteht, sondern gleichmäßig verteilt ist.

Lässt man die Krone frei wachsen, entwickelt sich tatsächlich eine Pyamidenform, je nach Veredelungsunterlage mehr oder weniger stark ausgeprägt.

Ein veredelter Baum geht heute nach 3 oder 4 Jahren in den Vollertrag. Im 8. und 9. Standjahr wird der Ertrag schon wieder unrentabel und der Baum wird wieder gerodet. Die erste Tracht im 7. Standjahr, wie damals üblich, ist lange überholt. Vielleicht kann man die Frage stellen, ob diese Schnelllebigkeit zu Lasten der inneren Qualität geht und damit den Geschmack beeinflusst.

Äpfel werden heute nach der Ernte  in kontrollierter Atmosphäre gelagert (CA-Lager). Dadurch bleibt die Genussreife monatelang erhalten. Inzwischen ist der Plantagenanbau also sehr wohl zu empfehlen.

Die Legende der Dülmener Rose

Eine eigenartige Rose

Im westfälischen Münsterland gibt es einen Baum, der Dülmener Rose genannt wird.

Die Blüte

Wer sich ein bisschen mit Rosen auskennt, wird sich fragen: „Seit wann gibt es außer Edel-, Beet-, Strauch- und Kletterrosen auch Baumrosen?“

 

 

 

 

Der Westfale weiß es vielleicht, 
der Münsterländer hat davon gehört, 
aber der Dülmener kennt ihn mit Sicherheit: 
den Dülmener Herbstrosen-Apfel

In grauer Vorzeit

Die angebliche Entstehung des Namens ist recht abenteuerlich. Der Lehrer Jäger, der ihn um 1870 aus einem Sämling der Sorte Gravensteiner gezogen haben soll, kam angeblich aus Hiddingsel, einem Ortsteil in 10 km Entfernung von der Stadt Dülmen. Daher ist es schon einigermaßen verwunderlich, dass er seinem Lokalpatriotismus soviel Einhalt gebot, seine Entdeckung nicht Hiddingseler Rose zu nennen.

Ein früher Herbstapfel

Ohne Zweifel handelt es sich um einen Herbstapfel, denn er ist wie der Gravensteiner Apfel im September/Oktober pflückreif und kann sofort gegessen werden, was typisch für einen Herbstapfel ist. Aber reif sind alle Äpfel im Herbst – mehr oder weniger. Nur einige müssen dann noch gelagert werden, dass sie überhaupt schmecken. Nicht so bei der Dülmener Rose, daher ist die Bezeichnung Herbstapfel auch nach heutigen Maßstäben durchaus legitim.

Warum Rosenapfel?

Es geht die Sage, der Lehrer Jäger hätte die neue Apfelsorte nach seiner Frau Rosemarie benannt.

Ist das wahrscheinlich?

Als gläubiger Katholik, Lehrer in einem Dorf im westlichen Süd-Münsterland, im 19ten Jahrhundert, war dieser Mann eine zentrale Institution in seinem sozialen Umfeld – dürfte man annehmen.

Hätte er da nicht eher den zweiten Namensteil der Ehefrau verwendet und die Neuzüchtung Marienapfel genannt?

Auf den ersten Blick stellen sich also einige Fragen zur Namensgebung und wahren Herkunft dieser Apfelsorte.

Die Entstehung

Die Sorte entstand wahrscheinlich in Dülmen um 1870 aus einem Sämling der Sorte ‚Gravensteiner‘. Synonyme für die Sorte sind ‚Dülmener Rosenapfel‘, ‚Dülmener Rose‘ und ‚Dülmer Rose‘.

Rechnungsrat Ludwig Bielefeld berichtet in den Dülmener Heimatblättern von 1927, dass die Sorte von regionalen Baumschulen geführt wird. Er nennt drei Betriebe, die bis heute existieren:

Baumschule Gebr. Hanses, MS-Hiltrup
Baumschule Lackmann, Olfen
Baumschule Sennekamp, Senden

Die Baumschule Sennekamp spielt eine besondere Rolle, da die Verbreitung der Sorten – zumindest im westfälischen Münsterland – wahrscheinlich von hier aus begann.

Der Rosenapfel

Johann Ludwig Christ (1739-1813), ein Pfarrer, Insektenkundler und Obstexperte entwickelte eine Klassifizierung der Apfelsorten, die sich im wesentlichen an der Form der Früchte orientierte.

Eine der Unterarten des Kalville-Apfels nannte er Rosenapfel. Diese willkürliche Einteilung nach einem angeblich natürlichen System hat heute keine Bedeutung mehr. Vielen Sorten wurden aber seinerzeit mit diesem Namenszusatz versehen, wie er sich z. B. beim ‚Berner Rosenapfel‘, ‚Moringer Rosenapfel‘, ‚Virginischer Rosenapfel‘ erhalten hat.

Erstmals bei einer Obstaustellung in der 1870er Jahren in Greiz (Thüringen), seinerzeit ein wichtiges Zentrum des Obstbaus im Deutschen Reich, trat der Dülmener Rosenapfel in Erscheinung.

Ingenieur Bahnmeister Bröder

Im westfälischen Münsterland scheint der Dülmener Ingenieur Bahnmeister Bröder an der regionalen Verbreitung maßgeblich mitgewirkt zu haben. Dieser hatte Kontakt zu dem berühmten Apfelforscher Eduard Lucas, dem Gründer des Pomologischen Instituts in Reutlingen (Baden-Württemberg).

Bahnmeister Bröder schickte ihm im Jahr 1878 Früchte der ‚wahrscheinlich neuen Sorten‚ mit der Bitte zu, die ‚noch nicht beschriebene Sorte‘ zu untersuchen und ‚obigen Namensvorschlag‚ zu berücksichtigen.

Später fanden auch Edelreiser den Weg nach Reutlingen. Ob aber wirklich Bäume zur Sortensichtung veredelt und aufgepflanzt wurden, ist fraglich.

Bahnmeister Bröder hielt die neue Sorte für eine Variante des Braunschweiger Pfundsapfels, stellt als Unterschied aber einen ‚eigenthümlichen aromatischen Duft‘ fest.

Eine neue Sorte entsteht

In den Geisenheimer Mitteilungen von 1911 wird ein Obstzüchter aus Hildburghausen (Thüringen) genannt, der begann die Sorte in größerer Stückzahl zu vermehren, vielleicht handelte es sich dabei um Carl Will.

Die Aufzeichnungen des Ingenieurs Bröder geben Aufschluss über weitere, nicht näher bezeichnete Personen, die an der Entwicklung der Apfelsorte beteiligt waren.

Die städtische Baumschule

Aus dem Urkataster der Stadt Dülmen von 1825 geht hervor, dass im Bereich der Lustgärten der Stadt, am südöstlichen Wallgraben, eine Baumschule bestand. Diese wurde vermutlich auf Betreiben eines Landesfürsten, in diesem Fall dem Bischof von Münster, zum Gemeinwohl, aber auf Kosten der Stadtkasse errichtet. Ein damals übliches Verfahren, dass bereits von Karl dem Großen mittels Landgüterverordnung praktiziert wurde, um die Grundversorgung der Bevölkerung zu sichern.

Die herzogliche Baumschule

Nach dem Bau des Schlosses an selber Stelle durch Alfred von Croÿ im Jahre 1834, wurde diese Baumschule Teil des neuen Schlossparks und später durch den Schulmeister Wald betreut.

Lehrer Wald, der an der Dülmener Volksschule von 1817 bis 1862 (also 45 Jahre lang!) unterrichtete, war in der Apfelzucht scheinbar recht aktiv. Auf ihn geht die Sorte ‚Dülmener Prinzenapfel‚ zurück, die heute leider nicht mehr bekannt ist.

Vermutlich wegen seines fortgeschrittenen Alters übertrug Schulmeister Wald die Betreuung der Baumschule auf einen jüngeren Kollegen.

Johannes Jäger – Der Vater der Dülmener Rose

Johannes Jäger, geboren am 20. Januar 1820 in Recklinghausen war 32 Jahre lang Lehrer an der Volksschule in Dülmen. Vorausgegangen war eine Fachausbildung beim Lehrer-Seminar in Büren.

Auf Betreiben des Lehrers Wald sowie des Herzogs Alfred von Croÿ wurde ein Schulobstgarten auf dem Schlossgrundstück eingerichtet. Dieser fand scheinbar große Beachtung und wurde sogar prämiert.

Als Belohnung für die Prämierung wurde eine Obstanzucht ins Leben gerufen, deren Organisation dem Lehrer Jäger übertragen wurde. Es fand eine intensive Züchtungsarbeit statt, in deren Verlauf auch die Baumschule Sennekamp in Senden einen Beitrag leistete.

Nach seiner Pensionierung zog Jäger nach Hildburghausen in Thüringen, um dort die Züchtung weiter zu betreiben. Der Dülmener Rosenapfel gilt seither auch in Thüringen als Regionalsorte, ob er aber dort den selben Namen trägt, ist fraglich.

Es liegt nahe, das Lehrer Jäger sich der Infrastruktur der Baumschule Carl Will bediente, die offizielle Registrierung der Sorte scheint aber durch den Ingenieur Bahnmeister Bröder erfolgreich betrieben worden zu sein.

Johannes Jäger starb im Jahr 1880.

Was nach dem Weggang des Lehrers Jäger mit der Baumschule, dem Schulobstgarten und der Apfelzüchtung in Dülmen geschah, gilt es noch herauszufinden.

Die Baumschule Schmitz-Hübsch

Ab 1948 betrieb die Baumschulschule Schmitz-Hübsch Apfelplantagen am Baumschulenweg. Otto Schmitz-Hübsch (1868-1950) war ein gefeierter Obstbaupionier und Züchter, der z. B. die Sorte ‚Roter Boskoop‘ fand.

Apfelernte in alten Zeiten

Vielleicht übernahm er die Züchtungsarbeit der herzoglichen Baumschule. Jedenfalls war der Grund auf dem die Apfelplantagen standen Eigentum des Herzogs von Croÿ.

Das Ende der Apfelplantagen

Die Rodung der letzten Apfel-Plantage am Baumschulenweg fand Ende der 1980er Jahre statt. Die Hallen zur Lagerung der Äpfel wurden Mitte der 1990er Jahre teilweise abgerissen. Auch das Hauptgebäude, dass dem Inhaber der Baumschule Reckmann als Wohngebäude diente, ist inzwischen einem Neubau gewichen.